Begegnungen mit Reto

Ein bunter Strauss von Andenken aus dem Freundeskreis von Reto Parolari und von Mitgliedern des Kulturvereins PRO ORP.

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Peter Kalberer - Winterthur

 

Persönlicher Nachruf an einen grossartigen Menschen, Musiker und Sammler

Reto Parolari (1952-2019)

 

Am 15. Dezember 2019 ist Reto Parolari im Alter von 67 Jahren in Brissago plötzlich verstorben. Sein Herz hat einfach aufgehört zu schlagen. Die Nachricht über sein Ableben hat mich umgehauen. Ich hatte als Amateurmusiker das grosse Privileg, unter seiner Leitung auf hohem Niveau Musik zu spielen. Er leitete jahrelang das Zivilschutz Show Orchester Winterthur. Die Proben mit ihm waren anstrengend und sehr anspruchsvoll, aber am Ende extrem befriedigend. Ausserdem habe ich selten einen Dirigenten erlebt, der die Stimmung und Schwingungen eines Orchesters so gut aufnahm. Er wusste immer wann es Zeit war für einen Spruch, Witz oder eine seiner unzähligen Anekdoten mit der er die Band neu motivieren konnte.

Wie allgemein bekannt ist, war Reto auch jahrelang Chef d’Orchestre des Internationalen Circusfestival in Monte Carlo. Zusammen mit Musikerkollegen aus dem Orchester Flughafen Zürich fuhr ich jeweils einige Male Ende Januar nach Monte Carlo. An diese Zeit in Monaco denke ich sehr gerne zurück. Es waren lustige Tage zusammen mit Reto und den anderen Musikern.

Gut 2 Wochen vor seinem Tod hatte ich die Gelegenheit ihn in seinem Archiv zu besuchen. Ich zog staunend durch die Räume des ehemaligen Notspitals. Über 100000, alles digital erfasste Titel, befinden sich in der Sammlung des Notenarchivs, die von grossem musikalischem und vor allem auch musik-historischem Wert ist. Sie wurden und werden immer noch an internationale Orchester ausgeliehen. Auch dutzende Instrumente sind hier eingelagert, unter anderem Exoten wie eine Röhrenglocke, Autohupen, und sogar eine Windmaschine.

Ich werde Reto in Erinnerung behalten als Menschen, der hart arbeitete und seine Ziele, seien sie noch so hochgesteckt, beharrlich zu erreichen anstrebte. Andererseits stand der Mensch bei ihm immer im Mittelpunkt, er hatte stets für jeden ein offenes Ohr.

Sein nächstes grosses Ziel war ein letzter grosser Auftritt mit seinem Orchester inklusive Bigband. Im 1973 hatte er als Junger Dirigent sein Orchester, das ORP gegründet und hätte im Jahre 2023 das 50-jährige Jubiläum feiern können mit einem letzten grandiosen Konzert. Er wolle mit einem grossen Knall abtreten. Nun hatte er seinen letzten grossen Auftritt in der vollbesetzten Stadtkirche Winterthur, leider viel zu früh. Ich vermisse ihn.


Peter Kalberer

Ingelore und Christiane aus D - Wolfenbüttel

 

Keineswegs eine Selbstverständlichkeit


wenn eine Freundschaft bis zuletzt hält, die mit Widerwillen begann, viele Kilometer zu überwinden hatte und nur einen der Beteiligten zu einer Bekanntheit weit über die Stadtgrenzen hinaus werden ließ


Es kann für Kinder unangenehm werden, wenn ihre Eltern sich mit anderen Eltern anfreunden und die Kinder dann ungefragt einer Einladung folgen müssen. Doch manchmal will es das Schicksal einfach so und dann wird es alles andere als langweilig und macht Lust auf mehr.


Und so begann Mitte der 60er Jahre in Brissago unsere Freundschaft mit Reto und seiner Schwester Katharina, die in jedem unserer zahlreichen Tessin-Urlaube immer wieder aufgefrischt wurde. Dazu eine intensive Brieffreundschaft: Alle vier freuten wir uns stets auf neue Post, denn langweilig war sie nie, da es uns allen nicht an Ideenreichtum zur gegenseitigen Belustigung mangelte.


Bestimmt war es für Reto nicht immer ganz einfach, gleich mit drei jüngeren Mädels fertigzuwerden, aber er hat das, wie so vieles in seinem Leben, mit Bravour gelöst. Ganz Kavalier ruderte er uns sogar mit seinem Gummiboot zu den Brissago Inseln, weil es uns in den Kopf gekommen war, uns genau da am Strand zu sonnen.


Fasziniert von seinen Zaubertricks und Jonglierkünsten, staunend darüber, wie man den gesamten Fahrplan des Schiffsverkehrs auf dem Lago Maggiore im Kopf haben kann, grinsend über den Fotografen mit der Kapitänsmütze, kopfschüttelnd darüber, wie jemand, der von einer Karriere als Musiker träumte, auf dem Tanzparkett so grottenschlecht sein konnte – zugegeben, wir beiden gehörten damals schon der Tanzsportabteilung an, und ja, Reto gab für uns minderjährige Mädels im Hotel Camelia tatsächlich den Anstandswauwau, als uns der Sinn nach Tanzen stand - lachend darüber, sich gemeinsam in voller Montur in den See zu stürzen, aber auch mal peinlich berührt, wenn der Kapitän seines kleinen Motorboots auf einem Klappstuhl sitzend, zum Lido hin salutierte. Das sind die Gedanken an unseren Freund Reto in unserer Jugend.


Mit dem Studium und der Gründung des ORP wich die Albernheit des Teens zunehmend dem selbstbewussten Charme des Gründers, ein kleiner Flirt hier, ein kleiner Flirt dort, nur gut, dass wir unsererseits in einer Beziehung standen, sonst hätten wir eifersüchtig werden können. Bewunderung für den schlanken, gut aussehenden Dirigenten, der wiederholt das Kurkonzert in St. Moritz rockte, Beifall für den jungen Mann, der in seiner Branche der gehobenen Unterhaltungsmusik das Alter ehrte und dieser Verehrung im Besonderen Ausdruck zu verleihen mochte, beispielsweise in Form von handgeschnitzten Taktstöcken für den großen, unvergessenen Robert Stolz.


Aber auch gemeinsames Bangen um Ruin oder Erfolg in einer Künstler-Karriere gehörte dazu. Doch glücklicherweise verhalf unserem Freund nicht nur die Zirkusluft zum Durchbruch sondern auch die Zusammenarbeit mit verschiedenen deutschen Rundfunkorchestern, Gelegenheit für uns, ihn auch in unserem Heimatland zu treffen, uns von seinem Können zu überzeugen und den Anekdoten seines bunten Lebens immer mal wieder zu lauschen.


Maßgeschneiderte Anzüge, kleine Eitelkeiten und stetig zunehmender Erfolg als internationaler Gastdirigent, durch sein Engagement am Theater Carré in Amsterdam sowie als Chefdirigent beim Zirkusfestival in Monte Carlo änderten nichts an seiner Bodenständigkeit und Zuneigung zu alten Bekannten. Gern gab er sich als Bühnenarbeiter aus, wenn er beim Instrumentenaufbau im Blaukittel half, und konnte sich schlapplachen, als man ihn einmal am Flughafen durch einen Diplomatenausgang ohne jede Kontrolle lotste, während seine Musiker stundenlang Schlange stehen mussten, nur weil er mit einem Fluggast sein Jackett gegen eine Uniformjacke getauscht hatte. Gerüchte solle man bestätigen, so lebe es sich leichter, kommentierte Reto einmal eine Episode, als man ihm - unterwegs mit einem Vierergespann junger Damen der Zirkuswelt - unterstellte, mit allen gleichzeitig ein Verhältnis zu haben.


Waren wir im Tessin, ließ es sich Reto nicht nehmen, auch für ein paar Tage nach Brissago zu kommen, und umgekehrt besuchten wir ihn und seine Konzerte, wenn sie in unserer Nähe stattfanden. Da Reto oft selbst durch das Programm führte, hatten sie stets eine ganz besondere und humorvolle Note. Egal, ob er die Besucher auf das Abschalten ihrer Handys hinwies, sich einen lustigen Schlagabtausch mit seinem Freund, dem Tenor Michael Heim, lieferte oder am Ende des Programms dafür um Verständnis bat, rasch noch seine Rechnung für den Veranstalter schreiben zu müssen, woraufhin eine alte Schreibmaschine auf einem Tischchen auftauchte, an die der Meister sich setzte und in die Tasten haute, um „The Typewriter“ von Leroy Anderson zusammen mit dem Orchester zu präsentieren. Überhaupt glänzte er hin und wieder bei seinen Konzerten als Solist, zum Beispiel mit seinem Hupenwalzer oder am Marimbaphon mit „Erinnerungen an Zirkus Renz“.


Als wir uns am 23. August 2019 in Göttingen trafen, ahnten wir nicht, dass es unser letztes Treffen und ein letztes Erinnerungsfoto sein würde.

Denken wir an Reto – und das keineswegs nur dann, wenn wir seiner Musik lauschen -, dann denken wir an viele unbeschwerte Stunden gemütlichen Beisammenseins, an zahlreiche Anekdoten, seinen trockenen Humor, seinen Charme, sein großes Talent und nicht zuletzt an seine sagenhafte Fingerfertigkeit am Marimbaphon.


Der Schock war groß, als uns die Nachricht von seinem plötzlichen Ableben erreichte. Aber man soll nicht traurig sein über das, was nicht mehr ist, sondern dankbar für das, was einmal war, und darum sagen wir zusammen:


DANKE, RETO, FÜR UNSERE WUNDERBARE FREUNDSCHAFT!
Ingelore und Christiane aus D - Wolfenbüttel

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Ruedi Keller - Winterthur

 

Circus Nock


In den 80er- Jahren gründeten ein paar unentwegte ORP-ler einen Stamm, der sich wöchentlich im Casino traf. Zu dieser Zeit war Reto häufig in verschiedenen Circusunternehmen tätig und demonstrierte ihnen, wie die Artisten die Qualität ihrer Nummern mit der passenden Musik noch steigern konnten. So stand die Premiere des Circus Nock in Frick auf dem Programm. Ganz spontan beschlossen wir am Stamm, Reto in Frick zu überraschen. Ich mietete einen kleinen Bus für diesen Ausflug. Am Vorabend der Premiere machte die Frage die Runde, was wir anziehen sollten. Wir einigten uns auf möglichst festliches, nobles Erscheinen. Mit einem grossen Karton beschrifteten wir unser Auto: Im Frack uf Frick und im Rock in Nock! Es wurde ein lustiger Ausflug und Reto freute sich sehr an unserem Erscheinen!


Ruedi Keller