Orchester Reto Parolari

Im Jahr 1973, noch während seines Studiums am Konservatorium Winterthur, gründete Reto Parolari sein erstes symphonisches Orchester. Das Orchester bestand damals fast ausschliesslich aus Studienkollegen Parolaris und hatte zum Ziel, vorwiegend die gehobene symphonische Unterhaltungsmusik zu fördern. Diese Form der Musik war in Europa lange Zeit eine Domäne unzähliger Rundfunkorchester. Schon in den Siebzigerjahren des vergangenen Jahrhunderts war aber absehbar, dass viele dieser Orchester dem Sparstift zum Opfer fallen sollten. Diesem Trend wollte das ORP entgegenwirken.

 

Nach dem ersten Konzert im Juli 1973 auf dem Serenadenplatz (einem Amphitheater) der Musikschule Winterthur folgten in den folgenden Jahren eigene Konzertreihen mit jährlich vier bis fünf Konzerten. Einige dieser Konzerte waren als Komponistenportraits gestaltet, so 1976 ein Winkler-Konzert, 1979 ein Bochmann-Konzert und später ein Raymond-Konzert.

 

Ab 1982 war das ORP für fünf Jahre festes Orchester für Operette und Musical am Stadttheater St. Gallen. Daneben und in kleinerer Besetzung übernahm das ORP dieselbe Funktion beim Theater für den Kanton Zürich. Ab Anfang der 90er Jahr trat das ORP jeweils als voll besetztes Symphonieorchester auf, darunter auch an vielen Unterhaltungssendungen des Schweizer Fernsehens. Die Begleitung unzähliger Stars in der TV-Sendung «Benissimo» zeugten von der Vielseitigkeit des Orchesters.

 

Im Jahr 1991 rief Parolari das «Internationale Festival der gehobenen Unterhaltungsmusik» ins Leben, welches jährlich wiederkehrend jeweils im Oktober viele namhafte europäische Spitzenorchester nach Winterthur brachte. An diesen Anlässen wirkte das Orchester Reto Parolari jeweils als Festivalorchester und erlangte dadurch weit über unsere Landesgrenzen hinaus ein viel beachtetes Renommée. Es gelang Parolari aber auch immer wieder, mit seinen Festival-Konzerten echte Glanzpunkte zu setzen, so zum Beispiel mit seinen Galakonzerten zum 100. Geburtstag von Paul Burkhard oder über das Lebenswerk des bei uns fast unbekannten österreichischen Komponisten Igo Hofstetter.

 

Durch enge Kontakte Parolaris mit vielen Komponisten, die oft bis zu echten Freundschaften führten, kam das ORP immer wieder zum Privileg, Uraufführungen präsentieren zu können, oft im Beisein des Komponisten. Aber auch viele Vokal- und Instrumentalsolisten genossen ihre Auftritte zusammen mit dem ORP.

 

Das ORP war immer ein Projektorchester, was bedeutet, dass für ein jeweiliges musikalisches Projekt aus einem Stock an Musikeradressen die jeweilige Besetzung zusammengestellt wurde. Im Lauf der vergangenen 45 Jahre haben über 380 Musiker im ORP mitgespielt. Und für alle diese Musiker war es immer eine Ehre und Freude unter dem Maestro musizieren zu dürfen. Dazu ein kleines Beispiel: Eine japanische Geigerin kehrte nach vielen Jahren Mitwirkung im ORP in ihre Heimat zurück. Trotzdem reiste sie noch drei Mal auf eigene Kosten für je zwei Wochen nach Winterthur, nur um an Reto Parolaris Festival mitspielen zu dürfen.

 

Es war Parolaris Absicht, im Jahr 2023, zum 50-jährigen Jubiläum des Orchesters, einen letzten grossen Auftritt zu organisieren und darnach den Orchesterbetrieb einzustellen. Mit seinem Tod im Dezember letzten Jahres wurde dieser Plan leider hinfällig.